Warum Ihr keine großen Insektenhotels aufstellen solltet – und was Ihr stattdessen für Wildbienen tun könnt (Basics)

Spoiler: Auch kleine Insektenhotels sind im Naturgarten ziemlich überflüssig.

Ihr müsst nur einen Baumarkt oder ein Gartencenter betreten, um es zu sehen: Insektenhotels sind der heiße Scheiß! Und wie bei jedem Lifestyle-Baumarktartikel, ich sage nur Webergrill und Plastikloungemöbel, gilt auch hier ganz offensichtlich: Auf die Größe kommt es an 🙂 . Dass diese Insektenhotelburgen überwiegend Billigproduktionen aus Fernost sind und alles andere als ökologisch wertvoll produziert wurden, ist die eine Sache.

Man könnte noch sagen, okay, ist aber ja am Ende für eine gute Sache, aber leider trifft auch das nicht zu. Und das haben die Baumarkt-Insektenhotels leider überwiegend mit ihren liebevoll handgebauten Pendants aus europäischer Freizeitarbeit gemeinsam: Als langfristige Nisthilfe für bedrohte Wildbienenarten und andere Insekten sind sie ziemlich untauglich. Und je größer, desto untauglicher. Was da plötzlich alles und auf engstem Raum beisammen den verschiedenen Tieren angeboten wird, entbehrt jeder Grundlage und jeder naturgegebenen Gewohnheit der potentiellen „Gäste“. Da sollen Schmetterlinge durch Schlitze in kleine Kisten kriechen oder Raupen direkt neben Ohrenkneifern wohnen (und am besten ist oben noch ein Vogelhaus drauf) – das entspricht ungefähr Katze und Maus Tür an Tür. „Viel hilft viel“ und „Irgendwer wird schon kommen“ sind beim Thema Insektenhotel nicht unbedingt die Grundlagen, auf denen Ihr das Konzept aufbauen solltet 😉 .

Die erste Frage wäre ja auch: WEM GENAU möchte ich denn eine Nisthilfe anbieten?

Auch wenn die Gesamtmenge aller Insekten sich innerhalb von 27 Jahren um fast 3/4 reduziert hat (Ihr erinnert Euch vielleicht an das Entsetzen nach der sogenannten Krefeld-Studie 2017), können und wollen wir mit einem Insektenhotel nicht alle möglichen Insekten auf einmal schützen.

Besonders im Fokus der zu schützenden Insekten sind Wildbienen, denn sie sind nicht nur besonders bedroht, sondern unsere Nahrungskette ist auch abhängig von ihrer Bestäubungsaktivität. Für unendlich viele unserer Kultur- und auch Wildpflanzen gilt: Ernteerfolg gibt’s nur mit Wildbienen! Wildbienenschutz ist also nicht ganz uneigennützig – denn wenn unter uns die Nahrungskette wegbricht, haben auch wir, gelinde gesagt, ein größeres Problem …

Ca. 2/3 bis 3/4 aller Wildbienen leben allerdings in der Erde oder in Steilwänden. Mit offenen, sonnig-trockenen Bodenbereichen oder Hangkanten helfen wir also schon mal viel mehr Wildbienen als mit einer oberirdischen Nisthilfe. Zudem leben die meisten Wildbienen solitär, also allein und nicht in Schwärmen wie die Honigbiene. „Ganz viele auf einmal an einem Ort“ trifft nicht so richtig ihre Vorliebe.

Wer trotzdem bauen will, weil es ja auch schön zum Beobachten ist: Zum Thema, welche Nisthilfen sich für Wildbienen eignen und wie man die baut, gibt es eine Vielzahl an Ressourcen. Hier sind ein paar davon:

Amazing Nature – 19 Fehler beim Nisthilfenbau

Werner David – „Epischer Rundumschlag zum Thema Insektennisthilfen“ inkl. PDF

Deutschland summt – Wissenswerte Basics rund um Wildbienen

Und was hat das jetzt mit der Größe zu tun?

Ganz einfach: Wo viele „Nützlinge“ auf einem Haufen versammelt sind, da haben auch deren Feinde, sprich: Parasiten, freie Bahn mit Marzipan. Und die übernehmen das Ganze mit der Zeit. Anders als den Besuch vom Specht, den wir durch Gitter von seinem Deluxe-Fastfood fern halten, können wir die parasitär lebenden Insekten aber nicht hindern, die Nisthilfe zu erobern.

Klar, das passiert in der Natur auch. Aber durch eine große Nisthilfe mit viel mehr Wildbienen drin als an einem natürlichen Nist-Ort ist auch das Ausmaß der Katastrophe durch Parasitenübernahme größer, und wir haben die Grundlage dafür leider selbst gebaut.

Es gibt im Naturgarten-Forum auf Facebook einen sehr schönen Erfahrungsbericht zum Thema. Darin wird beschrieben, wie ein DIY-Insektenhotel mit viel Liebe gebaut und über die Jahre immer wieder erweitert wurde – bis die Besiedlung mit Wildbienen dann irgendwann kippte, ganze Populationen einbrachen und heute nur noch traurige Reste an die unzweifelhaft gute Absicht erinnern, den gefährdeten Arten eine luxuriöse Unterkunft zu bieten.

Was Ihr stattdessen viel Sinnvolleres für Wildbienen und andere Insekten und deren Vielfalt tun könnt:

Lasst Chaos zu

Hand aufs Herz: Am besten geht es allen anderen Lebewesen auf der Erde, wenn wir Menschen uns einfach mal raushalten. Gerade sogenannte „wilde Ecken“ im Garten sind für unsere tierischen Mitbewohnys Gold wert. Und mal ehrlich: Wer guckt schon hinter den Schuppen oder unter die Sträucher? Lasst einfach mal Laub liegen, Stängel stehen, Gras wachsen … nicht überall. Aber da, wo es Wurscht ist und keine:n stört. Ist auch weniger Arbeit. Und Insektenschutz als Argument ja wohl mehr als in Ordnung.

Schafft Lebensraum und Strukturen

Ein Steinhaufen auf der Wiese oder unter der Hecke oder ein Haufen Reisig neben dem Kompost sind schon mal ein guter Anfang. Je mehr Höhen und Tiefen ein Garten bekommt, also je mehr in die dritte Dimension gedacht wird, desto mehr Lebens- und Rückzugsräume entstehen. Totes Holz kann man nicht nur an der Seite liegen lassen, sondern auch mitten im Garten aufrecht stellen. Oder beranken lassen. Oder als Skulptur inszenieren. Wir können Wasserbecken und Gräben anlegen, die Wände und Dächer begrünen, Hänge mit Trockenhauern terrassieren und Hügel oder Wälle anhäufen. Egal wie klein, es wird einen Effekt haben!

Holt heimische Wildpflanzen in den Garten

Schöner klingt´s auf Platt: „Was der Bauer nicht kennt, das isst er nicht!“ Nur: besagter Bauer hätte theoretisch die Wahl. Insekten nicht! Im Laufe der Evolution hat jede Pflanze ausgeklügelte Verteidigungsmechanismen entwickelt, um nicht gleich weggefressen zu werden, sondern eine reelle Chance zu haben: Gift, Dornen, Duft, Konsistenz, die Liste ist lang. Und deswegen sind viele Pflanzen nur für einen Bruchteil der Insekten als Nahrung geeignet – weil diese paar wenigen Insekten sich eine Strategie überlegt haben, die Fress-Schranke der Pflanze zu überleben bzw. zu überwinden. Sie vertragen beispielsweise ein Gift bzw. haben sich dran gewöhnt. Oder sie kommen an den ziemlich tief in der Blüte versteckten Nektar oder Pollen, weil ihr Rüssel als einziger lang genug ist. Jede einheimische Pflanze ist überlebenswichtig für ganz bestimmte Arten, die ohne sie nicht können – und umgekehrt: oft kann die Pflanze auch nur von bestimmten Insekten bestäubt werden. Deswegen: so viele heimische Wildpflanzen wie möglich pflanzen!

Denn ohne Essen ist auch das beste Hotel nüscht, oder?

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